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Ramona Ambs: Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter

Anti-Pop

»Hier wird eher mal auf unschöne Weise gestorben, mit Drogen experimentiert und das Leben tendentiell als sinn- und trostlos empfunden, wobei das nur eine grobe Schubladisierung sein soll. Wer „Anti-Pop“ einmal gelesen hat, weiß, was es ist«, so Andreas Reichhardt, Gründer des UBook-Verlags, im Interview mit Literatopia.

marmelade meiner großmutter

Kurzkritik

Es war mein erster Anti-Pop-Roman. Und ich muss Andreas Reichhardt Recht geben: Man versteht sofort, was es ist, wenn man es liest. Und es ist sicher nichts für Jedermann. Schrecklich. Erschütternd. Nachhaltig schonungslos überschreitet der Roman Grenzen, sowohl Drogen, Menschen als auch Diskriminierung betreffend. Auf unter 200 Seiten zieht die Autorin den Leser in den Bann einer tragischen Geschichte. Es gibt kein Hin- und Herschwanken zwischen Hoffnung und Trauer. Von Anfang an ist klar, dass es kein gutes Ende nehmen kann. Das Buch ist prägend und ich fand es spitze.

Buchbeschreibung

Romy wächst bei ihren jüdischen Großeltern auf. Ihre Mutter ist an Heroin gestorben, ihr Vater wohnt in der Nähe und arbeitet als Hausmeister an einem Gymnasium. Er ist kein Jude. Der Krieg, die Lagererfahrungen des Großonkels und der Großeltern bestimmen die Themen bei Tisch und bei abendlichen Diskussionen. Entsprechend dem ersten Satz der Einleitung »Manche Leute werden schon als Junkies geboren«, schnüffelt Romy schon im Kindesalter Chemikalien in Opas Keller, die er benötigt, um seine Vogelhäuschen zu bauen. Schneller als man damit rechnet, kommt Romy beim Heroin an. Der folgende Lebenslauf hat durchaus Höhen: Sie liebt. Sie kommt zwischendurch immer wieder von der Droge ihrer Mutter los. Sie macht Abitur. Wird später sogar eine gefeierte Fotografin. Doch diese ganze Zeit ist die Richtung, in die Romy steuert, klar: Es geht abwärts. Und über, unter, zwischen diesen ganzen Ereignissen sind ihr Judentum, ihre Erfahrungen damit und die Konsequenzen, die sich dadurch für sie ergeben, hineingewebt. Das Buch endet, wie es enden muss. Golden.

Persönliches Urteil

»Ramona Ambs gelang das eindringliche Portrait eines jungen Mädchens humorvoll, tragisch und einfach wunderschön zu lesen.« So steht es auf dem Bucheinband. Bevor ich das Buch gelesen habe, fand ich die Beschreibung interessant. Hinterher fand ich sie teilweise unzutreffend.

Humorvoll? Vielleicht. An zwei oder drei Stellen musste ich tatsächlich schmunzeln. Etwa, als die jüdische Protagonistin in der Schule gefragt wird »Und, Romy, erzähl doch mal, was hat deine Familie so gemacht im Krieg?« und sie antwortet »Gestorben sind sie. Das hat man damals so von uns erwartet.« Oder an der Stelle, als Romys Vater ihr erklärt, die Begriffe Ebbe und Flut würden die Wellen beschreiben, je nachdem in welche Richtung sich diese bewegen.

Tragisch? Auf jeden Fall. Die Ausweglosigkeit ihrer Situation, die Romy von Anfang an empfindet und auch nie überwinden kann, ist tragisch. Die Versuche, aus ihrem Teufelskreis auszubrechen, die ihr wieder und wieder misslingen. Die Abhängigkeit, in die Romy sich begibt, nicht nur bezüglich der Drogen, sondern auch bezüglich anderer Menschen, ist tragisch. So zögert sich zum Beispiel ein Heroin-Rückfall nur deswegen heraus, weil sie eine Liebesaffäre beginnt. Als der Mann jedoch beschließt bei seiner Frau zu bleiben, ist es für Romy Entschuldigung genug, wieder zum Stoff zu greifen. Trotz familiärer Unterstützung und einer Fotografinnenkarriere, von der die meisten nur träumen können, schafft Romy es nicht.

Wunderschön zu lesen? Nein. Es ist erschreckend zu lesen.Die beschriebene Geschichte ist krass, schonungslos und geht an die Nieren. »Im Grunde hat das Leben keine Manieren, denn egal wie nett du zu ihm bist, es ist nie nett zu dir. Am Ende bringt es dich um und schert sich nicht darum, ob du zu ihm fair und anständig warst dein Leben lang.«

Starke autobiographische Elemente enthält der Roman auf jeden Fall. Die äußere Selbstbeschreibung der Protagonistin (schwarze, krause Haare etc.) passt auf die Autorin. Auch natürlich der jüdische Hintergrund.

Wie viel eigene Drogenerfahrung die Autorin vorzuweisen hat, kann ich natürlich nicht sagen. Ist für den Leser auch unwichtig. Auf weniger als 200 Seiten hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen. Wie alle meiner Generation, habe ich schon sehr viele Bücher zum Dritten Reich gelesen. Aber noch nie ein Buch, in dem dargestellt wurde, wie all das in der heutigen jüdischen Generation immer noch nachwirkt. Vor allem auch die gedankenlose Diskriminierung hat mich schockiert. Die Kombination dieser Vergangenheit mit der generellen heutigen Orientierungslosigkeit, der schonungslosen Sprache und der prägnanten Darstellung, macht dieses Buch zu einer schockierenden und absolut lesenswerten Erfahrung. Ein ähnliches Buch kenne ich bisher nicht und es hat mich beeindruckt. Einen Kritikpunkt habe ich allerdings: Anstelle des einseitigen Vorworts hätte auch ein Satz daraus ausgereicht. Die Beschreibung, wieso ein Vorwort sinnlos ist, erscheint, nunja, sinnlos. »Es gibt immer ein Vorher«.

Über die Autorin

Ramona Ambs wurde 1974 in Freiburg geboren. Ihre Schullaufbahn, mit Stationen in Freiburg und Heidelberg, beendete sie 1995 mit Abitur und Scheffelpreis. Danach studierte sie Germanistik und Pädagogik an der Universität Heidelberg. Bereits während des Studiums publizierte sie Gedichte und Essays in verschiedenen Anthologien. Seit 2003, arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin.

“Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter” ist ihr erster Roman.

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