Salman Rushdie in Berlin und ich war dabei!

Signatur
Gestern war es soweit: Wie bereits im August angekündigt, hatte ich im Rahmen des internationalen Literaturfestivals in Berlin Karten für eine Autorenlesung/ Autorengespräch mit Salman Rushdie zu seiner Autobiographie »Joseph Anton«, die ich hier im Blog schon einmal vorgestellt habe.

 

Buch

Buchbeschreibung

Salman Rushdies Autobiographie handelt von den vielen Jahren, in denen er sich mit Hilfe des britischen staatlichen Schutzprogramms verstecken musste. Wieso? Weil er ein Buch mit dem Titel »Die satanischen Verse« geschrieben hatte. Dieses Buch wurde von einem Teil der muslimischen Gemeinde als Angriff auf ihren Glauben aufgefasst. Der damalige iranische Staatschef Khomeini verurteilte Rushdie mittels einer Fatwa zum Tode, in dessen Folge er unter Personenschutz gestellt wurde und viele Jahre lang untertauchen musste. All die Jahre, die Rushdie sich verstecken musste, inklusive der persönlichen Stimmungsschwankungen, der politischen Wogen – mal für, mal gegen ihn – und der Vertrauensbeweise- und brüche von Freunden, Verwandten und Verlagen während dieser Zeit, hat er versucht in seiner Autobiographie aufzuarbeiten. Sie trägt den Namen, den er sich während seiner Personenschutzphase gegeben hat: Joseph Anton.

Ich muss ehrlich zugeben, nach dem Lesen der Biographie war ich zwar von Salman Rushdie beeindruckt – sympathisch fand ich ihn jedoch nicht. Ich hatte den Eindruck, die langen Jahre der Isolation hätten ihn zynisch und mürrisch werden lassen. Verständlich, aber eben nicht sympathisch. Diesen Eindruck muss ich nach der gestrigen Erfahrung laut widerrufen. Der Mann ist sympathisch und, was ich gar nicht erwartet hätte, er ist witzig. Auf die Frage, ob er denn manchmal Albträume hätte, antwortete er »nein, ich schlafe wie ein Baby. Ich habe die langweiligsten Träume der ganzen Welt. Ich träume zum Beispiel, dass ich in einem Sessel sitze und Zeitung lese. Ich schätze, wenn das eigene Leben so aufregend ist, wie meins, muss man sich im Traum entspannen«.

Spannend ist sein Leben allemal, zumindest war es das. Über die Gegenwart hat er gestern nicht gesprochen. Er hat aber darüber gesprochen, auf welche seiner Reaktionen und Handlungen während der Fatwa er stolz ist und auf welche nicht und über den schlimmsten Moment in seinem Leben. Stolz ist er darauf, dass er ganz am Anfang, als er gefragt wurde, ob er es bereue »Die satanischen Verse« geschrieben zu haben, geantwortet hat »ich wünschte, ich hätte ein kritischeres Buch geschrieben. Denn ein Religionsführer, der einen Schriftsteller wegen eines Buchs zum Tode verurteilt, hat offensichtlich etwas Kritik nötig«. Nicht stolz ist er auf sein Treffen mit muslimischen Führern, ungefähr zwei Jahre nachdem die Fatwa ausgerufen wurde, bei dem er sich zum Islam bekannte, obwohl er in Wirklichkeit kein gläubiger Muslim war und ist. »Meine Beschützer, die Regierung, Bekannte und die Medien legten mir nahe, die Scherben aufzukehren, die ich verursacht hatte. Und nach zwei Jahren war ich das Verstecken und die Angst so leid, dass ich kurzzeitig dachte, sie hätten recht und das wäre der richtige Weg. Das war der Boden der Flasche. So tief wollte ich danach nie mehr sinken. Das gute daran, wenn man den Boden einmal berührt hat ist, dass man weiß, wo er ist«. Der schlimmste Moment seines Leben war der, als seine Exfrau und sein Sohn sich wegen einer Schulaufführung verspäteten, seinen täglichen Anruf nicht entgegennahmen und er dachte, sie seien tod. Die Passage dieses Buchs las Julika Griem auf deutsch vor. Er sagte anschließend, er sei froh, dass sie diese Passage gelesen habe, denn ihm kämen heute noch die Tränen – es sei sehr schwer für ihn, diese Stelle zu lesen.

Rushdie_ich

Thema waren außerdem seine Intentionen das Buch zu schreiben. Dazu sagte er unter anderem »es ist schwierig, als Schriftsteller eine gute Geschichte zu ignorieren. Und meine Geschichte, war für mich eine leidvolle Erfahrung. Ich wollte nicht ein weiteres Jahr darauf verwenden, das Buch zu schreiben, dann noch ein Jahr bis zur Veröffentlichung und dann noch zwei weitere Jahre, um darüber zu sprechen. Aber die ganze Zeit, saß der kleine Gedanke auf meiner Schulter und flüsterte mir zu: Es ist eine verdammt gute Geschichte.« Er wollte außerdem der Erste sein, der seine Geschichte erzählte. Schließlich sei er ja dabei gewesen. Jetzt könnten auch andere darüber schreiben oder andere Versionen darlegen, er habe alles gesagt und sich Mühe gegeben, so ehrlich zu sein, wie möglich. Dass er das Buch überhaupt schreiben konnte, führt er auf seine Tagebücher zurück, die er während der Zeit der Fatwa geschrieben hat. An denen konnte er sich beim Schreiben der Autobiographie entlanghangeln. Weiterhin war das Buch für ihn die Möglichkeit, allen zu danken, die ihm geholfen haben. Allen Freunden, die aus ihren Häusern ausgezogen sind, damit er darin wohnen konnte und den Polizeibeamten, die in beschützt und ihm den Kontakt zu seinem Sohn ermöglichten.

Lesung

Die Veranstaltung fand im Großen Saal im Haus der Festspiele in Berlin statt, der beinahe voll belegt war. Das Publikum hatte leider keine Möglichkeit Fragen zu stellen und bei der Signierstunde war ebenfalls zu viel los. Deswegen bin ich leider meine Frage nicht losgeworden »Beim Lesen Ihrer Autobiographie hatte ich an einigen Stellen das Gefühl, sie benutzen das Buch zwar dazu, sich zu bedanken, aber eben auch, sich zu rächen, an denen, die Ihnen nicht geholfen haben. Was sagen Sie dazu und haben Sie das Bedürfnis sich zu rächen?« Vielleicht bekomme ich wannanders noch einmal die Gelegenheit, meine Frage an ihn zu richten. Abschließend lässt sich sagen, dass es zumindest für mein Verständnis seiner Autobiographie sehr wichtig war, Salman Rushdie einmal persönlich gesehen zu haben. Jetzt, wo ich einen winzigen Einblick in seine Person erlangen konnte, sind die Voraussetzungen »Die satanischen Verse« zu lesen, gegeben. Mehr zu dem umstrittenen Buch also bald hier auf meinem Blog.

Möchte jemand von euch vielleicht als Kommentar oder auch als Gastbeitrag von einer Autorenbegegnung berichten? Ich würde mich freuen!

 

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